Eine Nacht als Kapitän auf der „Cap San Diego“

Von Edgar S. Hasse

(Quelle: WELT, http://www.welt.de/welt_print/article1265883/Kapitaen-fuer-eine-Nacht.html)

Das Foto von Berthold Fabricius zeigt den Autor in der Käptn-Suite der „Cap San Diego“

Den Hamburger Hafen kenne ich aus vielen Perspektiven. Mal von oben, als ich auf einem Kran in 15 Meter Höhe das Eindocken der „Queen Mary 2“ bei Blohm + Voss beobachtete. Oder ich lernte ihn vom Wasser aus kennen, durch Hafenrundfahrten, Törns auf Barkassen und Motorjachten oder als Passagier beim Einlaufen diverser Kreuzfahrtschiffe. Nur übernachtet habe ich im Hamburger Hafen noch nicht. Dabei bietet das Museumsschiff „Cap San Diego“ die einzigartige Möglichkeit, eine oder mehrere Nächte an Bord zu verbringen.

Und so führte mich der stattliche Stückgutfrachter, der einst für die Reederei Hamburg Süd auf der Linie Hamburg-Südamerika verkehrte, direkt in die ein mal zwei Meter große, frisch bezogene Koje des Kapitäns, Elbblick inklusive. Um es vorweg zu sagen, es war eine lange Nacht ohne Seegang und ohne die endlosen Weiten der ozeanischen Wüste. Dafür waren es maritime Stunden, die man wirklich nur hier, auf dem leicht ergrauten „Weißen Schwan“ der Südamerika-Linie, erleben kann. Über die steile Gangway war ich direkt zum Pförtnerhäuschen gelangt, wo ein freundlicher Matrose zur Erledigung der üblichen Formalitäten drängte. Nach Angabe von Name, Anschrift und Datum erhalte ich den Schlüssel für die Suite des Kapitäns, die sich auf der Steuerbordseite befindet.

Ich öffne die Tür und bin einigermaßen überrascht vom spröden Charme des Interieurs. Die Annehmlichkeiten der Zivilisation sind auf das notwendige Maß reduziert. Fernsehgerät? Obstkorb zur Begrüßung? Bademantel? Solche Hotelstandards darf selbst der Gast der Kapitänssuite nicht erwarten. Denn schließlich ist die „Cap San Diego“ kein Hotelschiff, sondern ein altehrwürdiger, 1961 gebauter und überdies fahrtüchtiger Museumsfrachter. Ich stelle meine Tasche, um in der Sprache der Landratten zu bleiben, im knapp zwölf Quadratmeter großen Schlafzimmer ab und öffne mit einiger Mühe die mit Schrauben verschlossene Luke. Mein Blick trifft auf den Helgoland-Katamaran „Halunder Jet“, der gerade an den Landungsbrücken festmacht. Nun packt mich die Entdeckerfreude, und ich erkunde mein Reich für die nächsten 13 Stunden.

Das geräumige Wohnzimmer besteht aus einer grünen Sitzgarnitur, eingebauten und verschlossenen Schränken, Regalen und einem imposanten Schreibtisch mit Telefon. Soll ich die Nummer 1 wählen? Dann wäre ich, würde das prähistorische Kommunikationsmittel funktionieren, mit der Brücke verbunden. Hier saß also einst der Kapitän und gab Order. An der Wand hängt eine Seekarte mit den Umrissen von Feuerland, daneben steht ein elektrischer Wasserkocher als einsatzbereites, neuzeitliches Utensil für die Gäste. Am Morgen, nehme ich mir vor, werde ich damit löslichen Kaffee brühen und ganz gemütlich in den neuen Tag starten, der meine Abreise bedeuten würde. Danach schaue ich mir das kleine Badezimmer an und bin erstaunt über die opulenten Ausmaße der Badewanne. Tatsächlich, das Wasser, das ich probeweise hineinlaufen lasse, wird warm, richtig heiß sogar.

 Das Vollbad gehört übrigens zur Originalausstattung. Ein bisschen Wohlstand sollte eben mitfahren, als die 159 Meter lange „Cap San Diego“ einst Kaffee, Textilien, Chemikalien und sogar trächtige Kühe transportierte. Als Zeichen meiner Besitznahme lasse ich die Lampen und Leuchten in der Suite brennen und gehe von Bord des Schiffes, um zum Zeitvertreib in die Rolle eines Touristen zu schlüpfen. Wenige Minuten später finde ich mich auf den Landungsbrücken wieder, entschließe mich zum Besuch eines Steakrestaurants und wende vorher noch einmal den Blick zurück – auf die „Cap San Diego“. In der Kapitänssuite, meiner Suite, brennt noch immer das Licht, was mich ein wenig mit Stolz erfüllt. Nach einem Abstecher ins nahe Portugiesenviertel kehre ich schließlich an Bord zurück, lese ein Buch und lausche den Geräuschen der Nacht, die sich mit grauem Dunst über die Lichter des Hafens legt. Als ich in meiner Koje liege und schlafe, träume ich, wie das Schiff auf große Fahrt geht und sanft über die Wellen gleitet, so wie es auf jenem Aquarellbild zu sehen ist, das in der Kajüte hängt. Am Morgen danach liegt Hamburg im Nebel. Das Glas meiner Luken ist beschlagen, als ich in die Wanne steige mit einer Tasse frischen Kaffees und den Duschvorhang beiseite schiebe, auf dem blaue Delfine schwimmen.

Zum Frühstück im Bistro erwartet mich lächelnd Gesa Rädeker, die Bordmanagerin des Schiffes, die in Bologna Theaterwissenschaften studiert und Vorlesungen von Umberto Eco gehört hat. Sie erzählt mir von der Geschichte des Schiffes und davon, das die jeweils vier Doppel- und Einzelkabinen sehr gut gebucht seien und die Kapitänssuite sowieso. Eine Nacht in der Suite ohne Frühstück koste 125 Euro, in der Doppelkabine 90 Euro. Wenig später heißt es für mich: Sachen packen. Diesmal lösche ich das Licht und schließe die Tür mit einem Gefühl leichter Wehmut und dem festen Vorsatz, bald wieder zurückzukehren, um mich für eine Nacht wie ein schlummernder Kapitän zu fühlen.

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