Weihnachten als Ereignis und Fest

Theologische und  medienwissenschaftliche Erwägungen

(Mein Betrag: Nordelbische Stimmen, 2011)

Weihnachten, das „Fest aller Feste“ (Manfred Josuttis), impliziert eine Vielzahl von Deutungen. Sie umfassen christologische, inkarnatorische Glaubensinhalte genauso wie pagane Relikte und moderne Umformungsprozesse zum jahreszyklisch zentralen Familienfest  mit dem am Heiligen Abend exzessiv praktizierten Ritual des Schenkens, das auf eine Stabilisierung der familialen und sozialen Interaktionen zielt. Aus empirischer Perspektive erodiert in der Gegenwart der christliche Kern des Weihnachtsfestes und verschwindet die Inkarnationsmetapher aus der öffentlichen Wahrnehmung.[1] Diese Entwicklung ist im Zusammenhang mit einer sukzessiven Veränderung der modernen Festkultur zu betrachten, bei der nicht mehr der Ursprungsmythos des Festes im Mittelpunkt steht, sondern das erlebnis- und eventorientierte Feiern. Tradierten Festen droht deshalb der Verlust der Sinnbezüge.[2]

Verweist das Weihnachtsfest aus kulturwissenschaftlicher Sicht als Medium kollektiven Gedächtnisses[3] in Gemeinschaft stiftender Funktion mit seiner religiösen Basisstory auf die heilige, transzendentale Dimension, dreht sich in der säkularisierten Eventfixierung vieles um Kommerz und exzessives Feiern. Praktische Theologie als Wahrnehmungswissenschaft steht vor der Aufgabe, diesen heortologischen Wandel in den Blick zu nehmen und Konsequenzen für kirchliches Handeln zu ziehen. Dazu soll hier ein Beitrag geleistet werden. Nach Distinktionen zum Ereignisbegriff in der hermeneutischen Theologie folgen Beobachtungen der Ereignisdimension im Kontext der Mediengesellschaft und schließlich handlungsorientierte Ableitungen. Die These ist, dass die kulturhermeneutische Wahrnehmung von Weihnachten als Ereignis und Event Potenzial entfalten kann, Impulse für Liturgie und Homiletik zu gehen.

  1. Ereignis – Zur Etymologie

Anders als der eher starre deutsche Begriff Fest evoziert das Wort „Ereignis“ im etymologischen Rückgriff eine semantische Nähe zur Phänomenologie[4], geht es doch auf die neuhochdeutschen Verben „eräugen“, „etwas zeigen“, „etwas vor Augen bringen“ zurück. Doch mehr noch als im Deutschen drückt das Lateinische „evenire“ (eventum=das, was herauskommt) jenes konstitutive Element der Bewegung und Dynamik aus, das an einen Geburtsvorgang erinnert. Die phänomenologische Erkundung präzisiert den Begriff nun dahin gehend, dass zum Wahrnehmen von Ereignissen ein je individuelles und kollektives Auffassen, Erleben und Erfahren – und dem lateinischen Wortsinn entsprechend – Widerfahren inkludiert werden kann, bei dem Momente der Auffälligkeit, des Unerwartetseins, der nachhaltigen Veränderung einer Situation und der (nicht beliebig möglichen) Wiederholbarkeit wichtig sind.[5] Die allgemeine Rede von Weihnachten als Ereignis eröffnet daher bereits auf der Begriffsebene einen Aktualitäts-, Dynamik-, Erlebnis- und Relevanzbezug, der mit der dichten Beschreibung als Fest nicht zu erzielen ist. Wer daher Weihnachten als Ereignis – und in trivialpopularer Form als  „Event“ – begeht, legt das Gewicht auf den Vollzug des aktualen Erlebens und nicht mehr ausschließlich auf das kulturell basale Element der Erinnerung.

  1. Theologische Distinktionen

In der Sprache der hermeneutischen Theologie, locus classicus der theologischen Rede vom Ereignis, wird jenes aktuale, präsentische Element – mutatis mutandis –  mit der existentialen Kategorie des „Augenblicks“ zum Ausdruck gebracht. In Rudolf Bultmanns präsentischer Eschatologie wird der aktuale, individuale Aspekt der „Vergegenwärtigung“ des historischen Faktums der Geburt Jesu deutlich, wenn er schreibt, „dass wir an Weihnachten jene eigentümliche Paradoxe feiern, dass ein historisches Ereignis zugleich das ‚eschatologische‘ Ereignis ist“.[6] Festzuhalten bleibt an dieser Stelle zunächst, dass Übereinstimmungen zwischen einem säkular virulenten und einem theologisch gedeuteten Ereignisbegriff bei aller Äquivokation bestenfalls in formaler Analogie bestehen können[7], die sich in den je verschieden interpretierten Faktoren der Bedeutsamkeit, der Aktualität und räumlichen, zeitlichen und individuellen Nähe zeigen.

  1. Weihnachten als mediales Ereignis

Evident ist der Ereignischarakter des Christfestes insbesondere im Blick auf die Mediengesellschaft[8], die das Christfest auf allen Kanälen kommuniziert – von den Printmedien bis zum Fernsehen. Medien bestimmen die öffentliche Agenda, indem sie Aussagen aus der Flut von Informationen selektieren; sie berichten grundsätzlich über Stellungnahmen, Themen – und Ereignisse. Dabei ist Weihnachten nicht nur ein „Thema“ unter vielen, sondern angesichts der gesellschaftlichen Omnipräsenz ein Ereignis, das zum jeweiligen Zeitpunkt hochrelevant und aktuell ist sowie über einen erkennbaren Anfang und ein absehbares Ende[9] verfügt. Die Medien berichten darüber in Meldungen und Reportagen, übertragen Christmetten aus den Kirchen und setzen sich mit dem Fest in Leitartikeln und Kommentaren auseinander. Weil auf Weihnachten die klassischen Nachrichtenfaktoren und journalistischen Selektionskriterien wie „Bedeutsamkeit“, „räumliche“ und „zeitliche Nähe“ sowie „Eindeutigkeit“ zutreffen, wird es als Ereignis – und nicht nur als journalistisch relativ beliebiges Thema –  medial rezipiert und inszeniert.  In der Hierarchisierung des Bedeutungsgrades von Ereignisses kann das Christfest sogar als „Schlüsselereignis“ verstanden werden, weil es über den in der Adventszeit die Frequenz der Berichterstattung intensivierenden „Schwellenfaktor“ verfügt und journalistische Berichtsroutinen angesichts dieser Relevanz verändern kann. Konkret heißt das: Während Massenmedien sonst für Dramatisierung, Skandalierung und Irritation im gesellschaftlichen Diskurs sorgen[10], publizieren sie zum Fest regelmäßig Appelle, zur Ruhe zu kommen. Oder – wie seit Jahren die „Bild“-Zeitung in ihrer Weihnachtsausgabe – „nur gute Nachrichten“. Und das, obwohl sonst  die Maxime gilt: „bad news are good news.“

Dieses Schlüsselereignis ruft alljährlich auch den  Bundespräsidenten auf den Plan. Seine Weihnachtsanspruche im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird zum vielfach kommunizierten TV-Ereignis. Die Ansprache von Christian Wulff am 25. Dezember 2010, die erstmals vor 200 ins Schloss Bellevue geladenen Bürgern aufgezeichnet wurde, verfolgten mehr als sechs Millionen ARD-Zuschauer. Angesichts dieses medialen Befundes steht außer Frage, dass die Gesellschaft Weihnachten nicht nur als Medium kollektiven Gedächtnisses und als zentrales Fest der Familie feiert, sondern aktual und erlebnisorientiert inszeniert und facettenreich „vor Augen bringt“. Weihnachten ist somit zum massenmedialen Ereignis geworden. Die bloße Erinnerungskultur und der gefühlsaffine Rückzug in das heimische Wohnzimmer als „Privatkathedrale der Individualreligiosität“[11] findet folglich ihre Ergänzung – und zuweilen ihren Ersatz – in der aktualen Ereignis- und Erlebnisdimension.

  1. Weihnachten als Event

Gehört zum Fest als Kategorie der kollektiven Zeiterfahrung und intendierten Unterbrechung des Alltags neben dem Ursprungsbewusstsein auch die Ästhetik der Festkultur und das gemeinschaftliche Feiern[12], so dominiert bei einem Event die Form über dem Inhalt – mehr noch: der Inhalt wird beliebig. Weihnachten als Event lässt sich in der Gegenwart dort beobachten, wenn auf den vielen Weihnachtsmärkten sich alles um Punsch, Promille und Kommerz dreht und in Endlosschleifen die ewig gleichen englischsprachigen Weihnachtslieder aus den Lautsprechern tönen. Aber auch in familialen und jugendkulturellen Kontexten ist der Wandel vom Fest zum Event und damit zur sinnentleerten Party mit exzessiven Zügen im Essen und Trinken zu beobachten. Dass diese Entwicklung kulturhermeneutisch ernst zu nehmen ist, bekräftigen neue demoskopische Daten, nach denen  drei von zehn befragten Deutschen nicht wissen, warum eigentlich Weihnachten gefeiert wird.

  1. Konsequenzen für kirchliches Handeln
  1. Das Verständnis von Weihnachten als massenmedial inszeniertes Ereignis und als Event leistet einen kulturhermeneutischer Beitrag zur Deutungspluralität des Christfestes unter den Bedingungen der modernen Mediengesellschaft. Wer als PredigerIn die ereignishafte Ubiquität und Omnipräsenz – von den Weihnachtsmärkten und -feiern bis zu Kitsch, Kommerz und trivialer TV-Unterhaltung – wahrnimmt, bekommt die Diversifikation der gesellschaftlichen und individuellen Inszenierungspraktiken des Christfestes in den Blick.
  2. Kirchliches Handeln sollte das diffuse Bedürfnis der Menschen, dieses Fest mit allen Sinnen als Ereignis, Event – und als x-mas-Party – zu feiern, ernst nehmen und respektieren. Und zwar aus schöpfungstheologischen Gründen.[13] Schließlich geht es ihnen darum, Ja zum Leben zu sagen, sich an den Dingen und Gaben des Lebens zu freuen und sie zu genießen. In der Weihnachtspredigt könnte daher das Thema der göttlichen Gutheißung der Welt im Mittelpunkt stehen. Wo die Freude über die Schöpfungsgaben und das Kommen Gottes überwiegt, hat das homiletische Nachdenken über die Sündhaftigkeit des Menschen genauso sekundäre Bedeutung wie die Fundamentalkritik an der säkularen und exzessiven Festfreude.
  3. Während die Mediengesellschaft Weihnachten in Wort, Bild und Ton als Schlüsselereignis inszeniert, sollten sich die Kirchengemeinden den journalistischen Bedingungen der Realitätskonstruktion nicht verschließen. Aufgabe der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit ist es daher, die Veranstaltungsangebote in der Weihnachtszeit medial als kirchliches Ereignis zu kommunizieren. So könnten Journalisten aus der Region im Vorfeld der Weihnachtsgottesdienste zu einer Pressekonferenz eingeladen werden, in der die Gemeinde nicht nur über die Gottesdienste, karitative Aktionen, das Krippenspiel und die Weihnachtsmusik, sondern auch über das Profil der Kirchengemeinde und die Geschichte des Gotteshauses informiert.
  4. Gleichzeitig ist es wichtig, dem wachsenden Bedeutungsverlust von Weihnachten als Fest der Geburt Jesu mit journalistisch verwertbaren Informationen über den Ursprung des Festes und seinen theologischen Kern zu begegnen. Die Inkulturation des Christentums erfolgt also unter den Bedingungen der Mediengesellschaft durch das Mittel der Information über die religiöse Basisstory.
  5. Konterkulturell wird der sinnentleerten Eventfixierung, dem Lärm der Weihnachtsmärkte und Kaufhäuser allerdings mit der Entdeckung der Stille zu begegnen sein. Aufgabe der Kirchengemeinden könnte es daher sein, die Advents- und Weihnachtszeit als Ereignis der Stille zu feiern. Liturgisch will insbesondere die Stille Nacht am Heiligen Abend sorgsam bedacht sein.
  6. Denn die Stille der Heiligen Nacht verheißt den Menschen, zur Ruhe zu kommen. Im Denken der hermeneutischen Theologie ist die Stille der „eigentliche Raum der Sprache“[14], in der Gottes Liebe spricht. So sehr sich der Prediger und die Predigerin der Ereignisdimension des Festes in der Mediengesellschaft öffnen, so offen sollten sie dafür sein, dass Gott in der Stille der Heiligen Nacht handelt. Auf diese Weise kann der „Augenblick“ im Sinne einer präsentischen Eschatologie zum Kairos werden. Weihnachtlich predigten bedeutet also, vom inkarnationschristologisch ermöglichten und eschatologisch vollzogenen und sich vollziehenden Ereignis der Nähe Gottes zu predigen und daher vom Immanuel (Jes. 7,14). Eine Weihnachtspredigt, die nicht über das Ereignis Gottes, sondern in[15] diesem Ereignisgeschehen redet, ist potenziell selbst ein Ereignis.

Edgar S. Hasse (Jg. 1960) ist promovierter evangelischer Theologe und Redakteur der WELT-Gruppe in Hamburg. Er ist Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald und der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg. Weihnachten 2011 wird er, von der  Nordelbischen Kirche als Bordseelsorger entsandt, auf einem Kreuzfahrtschiff verbringen.

[1]  Vgl. Edgar S. Hasse: Weihnachten in der Presse. Komparative Analysen der journalistischen Wahrnehmung des Christfestes anhand der „Weihnachtsausgaben“ ausgewählter Tageszeitungen und Zeitschriften (1955-2005), Erlangen 2010.

[2]  Vgl. Kristian Fechtner: Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007, 55-56. Vgl. auch Harvey Cox: Das Fest der Narren. Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe, Stuttgart / Berlin 41972, 24: „Weihnachten ist weitgehend zu einem Familienfest geworden, Ostern zu einem Frühlingsereignis, und am Erntedankfest gibt es keinen mehr, dem man danken kann.“

[3]  Vgl. Jan Assmann: Der zweidimensionale Mensch: das Fest als Medium kollektiven Gedächtnisses, in: ders. / Theo Sundermeier (Hg.), Das Fest und das Heilige. Religiöse Kontrapunkte zur Alltagswelt, Gütersloh 1991.

[4]  Vgl. Michael Moxter: Erzählung und Ereignis. Über den Spielraum historischer Repräsentation, in Jens Schröter / Ralph Brucker, Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung (BZNW Bd. 114), Berlin / New York 2002, 75.

[5]  Vgl. Martin Seel: Ereignis. Eine kleine Phänomenologie, in: Nikolaus Müller-Schöll (Hg.), Ereignis. Eine fundamentale Kategorie der Zeiterfahrung. Anspruch und Aporien, Bielefeld 2003, 46.

[6]  Rudolf Bultmann: Glauben und Verstehen, Gesammelte Aufsätze, Bd. 4, Tübingen 41984 (11964), 139.

[7]  So auch Martin Nicol: Zwischen Ereignis und Wissenschaft. Über Schwierigkeit und Faszination der Praktischen Theologie, PTh 83 (1994), 69.

[8]  Der Begriff wird hier nicht systemtheoretisch gebraucht, sondern bezieht sich auf den quantitativ gewachsenen Medienkonsum. So verbringt jeder Deutsche zwischen 14 und 49 Jahren durchschnittlich acht Stunden pro Tag mit Fernsehen, Radio, Zeitungen, Zeitschriften und Internet. Vgl. Udo Hahn / Roland Rosenstock: Art. Medien, 5TRT 2 (2008), 765-769.

[9]  Vgl. zum Ereignisbegriff aus publizistikwissenschaftlicher Sicht Hans Mathias Kepplinger: Der Ereignisbegriff in der Publizistikwissenschaft, Publizistik 46 (2001), 116-139.

[10]  Vgl. Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, Opladen 21996, 55.

[11]  Matthias Morgenroth: Weihnachts-Christentum. Moderner Religiosität auf der Spur, Gütersloh 2002, 214.

[12]  Vgl. Assmann, a.a. O., 13.

[13]  Vgl. dazu auch Holger Forssman: „Alle Menschen sind mir heute Kinder.“ Weihnachten als Fest der Schöpfung und der Erlösung, Erlangen 1998.

[14]  Ernst Fuchs: Marburger Hermeneutik, Tübingen 1968, 242.

[15]  Vgl. die Differenzierung von Martin Nicol: Einander ins Bild setzen. Dramaturgische Homiletik, Göttingen 22005, 55.

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