Archiv der Kategorie: Bordseelsorge/Kreuzfahrten

Als Bordseelsorger auf Kreuzfahrtschiffen: „Seetage sind Seelentage“

Edgar S. Hasse

(Quelle: Hamburger Abendblatt, Himmel & Elbe, 18.7.2017)

(Foto: TUI Cruises)

Es gibt Christen, die wollen die großen kirchlichen Feiertage unbedingt auf hoher See verbringen. Vorsorglich rufen sie bei der Reederei an und fragen, ob auf den Kreuzfahrtschiffen zu Weihnachten und Ostern auch ökumenische Gottesdienste stattfinden. Der Gast ist König – und deshalb setzen zum Beispiel Hamburger Unternehmen wie TUI Cruises und Hapag-Lloyd Cruises regelmäßig Bordgeistliche ein. Die Kirche knüpft damit an eine Tradition an, die im 19. Jahrhundert in Hamburg ihren Anfang nahm. Damals begleiteten Seelsorger aus dem Rauhen Haus die Auswanderer auf den Überseeschiffen in die Neue Welt.

Ich engagiere mich seit 2010 ehrenamtlich in der Bordseelsorge und treffe bei jeder Reise auf Menschen, die vor allem eines wollen: ihren Urlaub oder ihre Expeditionskreuzfahrt mit allen Sinnen genießen. Sie flanieren zu abendlicher Stunde über die Decks, voller Erwartungen auf den Kapitänsempfang und das festliche Dinner.

Weil Seetage auch Seelentage sind, reflektieren viele Gäste ihr eigenes Leben. Fragen nach Sinn und Orientierung brechen auf. Immer wieder ist es der Verlust eines geliebten Menschen, der in den Gesprächen thematisiert wird. Da erzählt ein Senior auf der Antarktis-Tour, dass er zunehmend die Eigenschaften seiner verstorbenen Frau annehme. Entdeckungslustig sei sie stets gewesen, sagt er und lächelt. Er selbst war das wohl nie so sehr. Doch nun, in hohem Alter, werde auch er zunehmend neugieriger auf die Welt. Eine allein reisende Dame berichtet mir im Südchinesischen Meer, wie sehr sie unter ihrer Ehe leide. Andere möchten gern einen Rat für den Umgang mit ihren Kindern. Manche bekunden ihren Unmut über die Institution Kirche.

Meine Rolle als Bordseelsorger ist vielfältig. Hier der geduldige, empathische Zuhörer, dort die öffentliche Person, die gemeinsam mit dem Kapitän auf einer Gala eine Festansprache hält. Zudem werden Meditationen, Andachten und Gottesdienste angeboten – ein Programm, das manchmal mit nautischen Fragestunden und landeskundlichen Vorträgen konkurrieren muss. An den Festtagen biete ich Gottesdienste für die Crew in englischer Sprache an. Vor allem Fi­li­pi­nos nutzen das Angebot. Für die Passagiere bin ich auch so etwas wie Gesellschafter, ein Sachverständiger für Gott und die Welt, der zum Dinner an den Tisch gebeten wird oder beim Tee mit den Gästen über das Leben philosophiert. Die Begegnungen haben meinen Blick auf das Leben bereichert. Obwohl die gemeinsame Reise längst zu Ende ist, sind die Verbindungen zu einigen Passagieren über die digitalen Netzwerke geblieben.

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Katzenmuseum: Die Katzenbilder von Kotor

Wie viele Katzenmuseen mag es auf der Welt geben? Ein kleines  Katzenmuseum  gibt es in Kotor, Montenegro, dem wohl geheimnisvollsten Land Europas.

Mit 3000 Meter hohen Bergen, den letzten Urwäldern Europas, Bären, Wölfen – und einer 30 Kilometer langen Bucht, der Boka Kotorska.

In der historischen Altstadt von Kotor, umsäumt von meterdicken Mauern, steht nicht nur die Kirche des Heiligen Tryphon mit zwei unterschiedlich hohen Türmen. In einem alten, restaurierten Haus befindet sich auch das Katzenmuseum eines privaten Liebhabers von Katzen.

Das Katzenmuseum besteht aus vier Räumen. Gezeigt werden hier vor allem Fotos, Zeichnungen,  kleine Gemälde, Ausstellungskataloge und Zeitschriften mit Katzenfotos.

Während die Besucher des Katzenmuseums für einen Euro Eintritt das Museum besuchen können, schlummert die Katze des Museumsgründers draußen vor der Tür.

Auf der Website des Katzenmuseums (www.catsmuseum.org) heißt es:  „Die Idee zur Errichtung eines der Katze gewidmeten Museums entstand durch die  Spende einer antiquarischen Gemäldesammlung der Gräfin Francesca di Montreale Mantica.  Die gespendeten Bilder flossen in die Sammlung des Internationalen Zentrums zur Adoption der Katzen “Badoer” in Venedig ein, die sich in den letzten 10 Jahren durch zahlreiche Spenden und gezielte Zukäufen weiter vergrößerte.“

(Stadtmauer von Kotor, Montenegro, mit Blick zur Burg Sveti Ivan; Fotorechte: Edgar S. Hasse)

Montenegro liegt an der Adria-Küste, ist so groß wie Schleswig-Holstein und hat rund 640.000 Einwohner. Das Land gehörte früher zu Jugoslawien und ist seit 2006 unabhängig. Seit 2017 gehört es der NATO an.

Kreuzfahrtschiffe passieren die schmale Verige-Meerenge in der Boko Kotorska und liegen häufig vor Reede im südlichsten „Fjord“ Europas. Dann ist es nur noch ein Katzensprung weit bis zum Katzenmuseum.

Weitere Informationen zum Katzenmuseum Kotor

Trg Gospa od Anđela
Stari Grad 371

Kotor 85330

Montenegro.

St. Louis – Die Irrfahrt des Hapag-Passagierdampfers mit rund 1000 Juden. Aus den Aufzeichnungen des Kapitäns

 

Louis

Edgar S. Hasse

Im Mai 1939 verließ der Hapag-Passagierdampfer „St. Louis“ mit  937 Juden an Bord den Hamburger Hafen. Auf der Brücke stand der aus Schleswig-Holstein stammende Kapitän  Gustav Schröder, als eine Musikkapelle vor dem Schuppen 76 zum Abschied  „Muss i denn zum Städtele hinaus“ spielte. Noch ahnten weder Crew noch Passagiere,  dass aus dieser Reise eine Irrfahrt auf dem Atlantik  werden sollte.

Denn sowohl Kuba als auch die USA wollten die jüdischen Flüchtlinge nicht aufnehmen. Und das trotz der ursprünglichen Ankündigung der kubanischen Regierung, jenen vor den NS-Pogromen fliehenden Menschen so lange Asyl zu gewähren, bis sie in die USA einreisen konnten.

Längst ist das Schicksal der Irrfahrt  bekannt. Aber die persönlichen Aufzeichnungen des Hamburger Kapitäns waren viele Jahre lang einer breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich.  Sein 1949 erschienenes Buch „Heimatlos auf hoher See“ gilt als vergriffen, den Verlag gibt es nicht mehr. In nur noch wenigen Bibliotheken sind allenfalls Kopien ausleihbar.

Dabei sind es gerade die Erlebnisberichte des Kapitäns, die  aus erster Hand die Verzweiflung und die Angst der jüdischen Passagiere vor einer erzwungenen Rückreise in die Nordsee  schilderten. Etliche von ihnen hatten  die Konzentrationslager überlebt. „In ihren Augen war eine furchtbare Angst vor der Rückkehr dorthin zu lesen, aber nicht minder eine feste Entschlossenheit, alles für die Rettung einzusetzen“, notierte Kapitän Schröder. „Wer einmal mit Verständnis in solch verzweifelte Augen geblickt hat, vergisst es nicht.“

Es ist jetzt einem Führungskräfte-Coach zu verdanken, dass die historischen Notizen des Kapitäns jetzt wieder für alle verfügbar sind.  Hans-Peter Etzold aus Andernach am Rhein war von dem mutigen Einsatz des 1959 in Hamburg verstorbenen Kapitäns so sehr berührt, dass er  in Eigeninitiative dessen Aufzeichnungen im Internet veröffentlicht und einleitend kommentiert hat (www.natuerlichteambuilding.de/heimatlos-auf-hoher-see). „Für mich ist dieser Mann ein Held, ein guter Hirte“, sagt Etzold.  „Schröder verstand sich als Team-Player und war fest entschlossen, die ihm anvertrauten Passagiere außerhalb Deutschlands an Land zu bringen.“

Zunächst aber musste der Kapitän seinen Passagieren schlechte Nachrichten verkünden.  Die USA weigerten sich, die Flüchtlinge aus  Deutschland aufzunehmen.  Demonstrativ hatten die Vereinigten Staaten zur Abschreckung Flugzeuge und Küstenwachboote gegen die  „St.  Louis“ eingesetzt. Präsident Franklin D. Roosevelt berief sich in seiner Begründung auf den Immigration Act von 1924, der nur eine bestimmte Quote von Zuwanderern erlaubte.

In den Erinnerungen  von Kapitän Schröder heißt es dazu: „Ich hatte jetzt die traurige Pflicht, meinen Passagieren reinen Wein einzuschenken über die Aussichtslosigkeit einer Landung in Amerika (…)“

Überall an Bord trafen ihn fragende Blicke, wie es nun weiter gehe. „Es roch nach Verzweiflung und Panik“. Während die einzigen fröhlichen Menschen an Bord die Kinder waren, kam es bei den Erwachsenen  zu Nervenzusammenbrüchen und Suizid.  Die Furcht vor einer Rückkehr in deutsche Gewässer war vor allem bei den früheren KZ-Häftlingen  kaum mit Worten zu beschreiben. Gustav Schröder erinnert sich an ein Gespräch mit einem jüdischen Passagier. Der sagte zu ihm:  „Wenn Sie mit dem Schiff heil bis Cuxhaven hineinkommen, dürfen Sie wohl etwa hundert Kabinen leer vorfinden, denn wir fürchten das KZ mehr als den Tod.“

Eine Zeitlang hatte der Kapitän sogar erwogen, das Schiff vor der englischen Küste bewusst auf Grund zu setzen, um so eine Rettungsaktion in die Wege zu leiten. Doch es kam schließlich ganz anders: Die Migranten konnten in Antwerpen ans Land gehen. Gut ein Viertel von ihnen bekam in England Asyl. Sie überlebten.  Zwei Drittel wurden auf Belgien, Frankreich und die Niederlande verteilt.  Später  gelangten diese Menschen in die Fänge der Nazis und wurden in Vernichtungslagern ermordet. Gustav Schröder notierte: „Der Gedanke, dass es Menschen gegeben hat, die erst im KZ waren, dann die Passionsfahrt der ‘St.Louis’ mitmachten, um schließlich im KZ elendig zu verenden, ist mehr als bedrückend.“

Hans-Peter Etzold, der Initiator der   historischen Website, sieht in der verzweifelten Suche der verfolgten  jüdischen Mitbürger nach Schutz etliche Parallelen zur Flüchtlingskrise von heute. „Denn Hass auf andere und Gleichgültigkeit gegenüber Flüchtlingen sind heute fast 80 Jahre später immer noch verbreitet“, sagt er.

Für seinen Einsatz und die Kooperation mit dem jüdischen Bord-Beirat wurde Gustav Schröder 1957 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Staat Israel hat ihn in Yad Vashem postum in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen.  In Hamburg-Langenhorn ist der Kapitän-Schröder-Weg nach ihm benannt.  Zudem gibt es an den Landungsbrücken eine Gedenktafel.

http://www.natuerlichteambuilding.de/heimatlos-auf-hoher-see

Quelle: mein Beitrag im Hamburger Abendblatt, 22.2.2016

 

Eisbärenfell im einsamten Ort am längsten Fjord der Erde – Ittoqqortoormiit (Ostgrönland)

DSCI1188Eisbärenfell. Es wird gerade getrocknet. Eine Woche zuvor war der Eisbär erschossen worden. FOTO: E. Hasse

In der ostgrönländischen Gemeinde leben gerade mal 430 Einwohner. Neun Monate im Jahr kann der Ort mit keinem Schiff erreicht werden. Allerdings gibt es einen Flugplatz in der Nähe. Wer hier lebt, kennt weder Baum noch Straßenampel. Aber es gibt eine Schule – und eine Kirche, die extra  für uns geheizt wurde.

(Mehr darüber demnächst im Hamburger Abendblatt / Funke Medien Gruppe)

 

 

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