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Jährlich rund 46.000 Touristen und Forscher in der Antarktis. Port Lockroy mit erotischer Alltagskunst

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Gemalte Filmstars über den Betten auf der früheren britischen Forschungsstation Port Lockroy Foto: Hasse

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Eine Mitarbeiterin des Museums vor dem heutigen Wohngebäude auf Port Lockroy. Foto: Hasse

Edgar S. Hasse
Vor dem Holzhaus in der Bucht von Port Lockroy brüten Eselpinguine. Sie watscheln in schmalen Pfaden durch den harschen Schnee. Die kleinen Frackträger haben Vorfahrt, sollten hier Menschen ihre Wege kreuzen.
Und das kommt im antarktischen Sommer vom November bis März häufiger vor, wenn die Temperaturen nur rund um den Gefrierpunkt liegen. Die frühere britische Forschungsstation Port Lockroy im Nordwesten der Antarktischen Halbinsel ist für Kreuzfahrer ein beliebter Anlaufpunkt. Bei jeder Reise gehört ein Aufenthalt auf Port Lockroy zu den historisch interessanten Attraktionen. Die Touristen besuchen das Hauptgebäude, in dem bis zum Jahr 1962 Wetterbeobachtungen und physikalische Forschungen vorgenommen wurden. Heute ist die Forschungsstation ein Museum mit eigenem Postamt unter britischer Obhut.
Der Internationale Verband der Antarktis-Reiseveranstalter (IAATO) rechnet damit, dass in der Saison 2014/15 rund 36.000 Touristen in die Antarktis reisen werden
– fast alle im Rahmen von Expeditionskreuzfahrten. Wie auf dem Hamburger Kreuzfahrtschiff Hanseatic, dessen Weihnachtsreise in die polaren Regionen sich jetzt dem Ende neigt.

Das Expeditionsschiff trifft an diesem Sonnabend wieder in Ushuaia (Feuerland) ein und hat bei seiner mehr als dreiwöchigen Reise unter der Leitung des Hamburger Kapitäns Carsten Gerke rund 8000 Kilometer zurückgelegt.
Nach Angaben des Bundesumweltamtes steuern inzwischen in jeder Saison rund 40 bis 50 Kreuzfahrtschiffe die Antarktis an. Sie bereisen überwiegend die Antarktische Halbinsel, deren Gewässer im Sommer durch die Eisschmelze in der Regel gut befahrbar sind. Seit der ersten Antarktis-Kreuzfahrt im Jahr 1966 wächst der Tourismus kontinuierlich. Die Besucherzahlen schwanken jährlich zwischen 34.000 bis 36.000. An der Spitze stehen Polarreisende aus den USA, Deutschland, Australien und Großbritannien.

Dazu kommen die vielen Mitarbeiter in den Forschungsstationen, die in den rund 60 Sommer- und 38 Überwinterungsstationen zu wissenschaftlichen Zwecken tätig sind. Heinz Ahammer, der als Logistiker den Aufbau der Neumayer-Forschungsstationen des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts mit koordiniert hat, schätzt: Jährlich arbeiten rund 10.000 Menschen in den Forschungsstationen der Antarktis. Allein Argentinien ist mit sechs, Chile, Frankreich und Russland mit jeweils vier und Großbritannien mit drei Überwinterungsstationen vertreten.

Auf der Weihnachtsreise der Hanseatic berichtete der Bremerhavener Experte als Lektor auch über das harte Leben in den früheren Stationen wie Port Lockroy. „Ein Blick in die Sozialräume dieser Station zeigt, auf wie wenig Raum und welch schlichte Koch-, Dusch- und Waschgelegenheiten sich ein Leben fernab der Zivilisation reduzieren lässt, wenn man nur will oder besser muss“, sagt der Ingenieur, der rund 30 Mal in der Antarktis war.
Mannschaftsschlafräume von bis zu sechs Personen gehörten in Port Lockroy ebenso zum Alltag wie die tägliche Trink- und Waschwassergewinnung durch schmelzen von Schnee.

Zweieinhalb Jahre waren die Männer damals ununterbrochen im Einsatz. Wen wundert es, dass sie die schwere und entbehrungsreiche Zeit nur in Gedanken an ihre Familien ertragen ließ, fügt Ahammer hinzu. „Und manch einer, den keine Ehefrau oder Liebste zu Hause erwartete, zeichnete seine Sehnsüchte und Wunschvorstellungen in Gestalt damals bekannter Filmdiven an die Spinde und Wände.“ Noch heute können die bunten Bilder der freizügig gemalten Filmstars wie Marilyn Monroe und Sophie Loren über den schmalen Betten begutachtet werden. Meist mit üppigen Formen.

Der Antarktis-Tourismus ist aufgrund internationaler Vereinbarungen der Antarktis-Vertragsstaaten an strenge Regeln geknüpft. Niemals dürfen mehr als 100 Menschen gleichzeitig an Land gehen. Außerdem muss jeweils eine Gruppe von 20 Gästen von einem Reiseleiter begleitet werden.
Unter diesen strengen Bedingungen hält Heinz Ahammer den Antarktis-Tourismus für sinnvoll. „Die Reisegäste werden die überwältigende Natur- und Tierwelt in ihr Herz aufnehmen und sie niemals mehr vergessen. Sie werden damit zu Lobbyisten, Fürsprechern und Botschaftern der Antarktis.“

Ich habe die Antarktis-Weihnachtsreise 2014 der Hanseatic als Bordseelsorger im Auftrag der Nordkirche begleitet. Erst-Veröffentlichung: Hamburger Abendblatt Online

Antarktis: Auf Petermann-Island im Zentrum des Klimawandels

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Petermann-Island mit Eselpinguin-Kolonie im Hintergrund Foto: Hasse

Ich habe die Reise der MS Hanseatic 2014/15 im Auftrag der Reederei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten begleitet.
Südlichster Punkt war Petermann Island.

WO IST DAS: Pe­ter­mann Is­land liegt süd­lich des Pal­mer Ar­chi­pel an der Küste der Ant­ark­ti­schen Halb­in­sel. Sie ist 1,5 km lang und hat im Nord­wes­ten eine klei­ne Eis­kap­pe, ist je­doch nicht voll­stän­dig ver­glet­schert. Die Insel bil­det oft den süd­lichs­ten Punkt von Expeditionskreuzfahrten.

In der Hansestadt Bremen nennen die Kinder ihn respektvoll den „Pinguin-Doktor“. Und tatsächlich steht Rolf Schiel, Facharzt für Hals-Nasen-und-Ohren-Heilkunde, vor einer Kolonie von brütenden Eselpinguinen. Wir sind auf Petermann-Island. Die rund zwei Quadratkilometer große Insel liegt am 65. Breitengrad im westlichen Teil der Antarktischen Halbinsel. Der promovierte Mediziner trägt eine gelbe Jacke, Fernglas und einen Fotoapparat bei sich. Er begleitete bis Anfang Januar 2015 als Lektor für Biologie die Weihnachtsreise des Hamburger Expeditionsschiffes MS Hanseatic. Und wird danach für Polarnews aus der Schweiz weitere Expeditionsfahrten als Reiseleiter betreuen.
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Rolf Schiel: Biologe und Mediziner auf Petermann- Island. Foto: Hasse

Vor dem 58-jährigen versammeln sich gerade einige Passagiere des Schiffes. Sie stampfen in Gummistiefeln durch den Schnee und genießen den atemberaubenden Blick auf die Gletscherwelt im Südpolarmeer. Bei Lufttemperaturen von rund fünf Grad erreichen der antarktische Sommer und das Brutgeschäft der Eselpinguine jetzt ihren Höhepunkt.

Seit 20 Jahren wechselt der Bremer Facharzt mindestens einmal im Jahr sein Aufgabenfeld. Denn arbeitet er als gefragter Lektor auf Kreuzfahrtschiffen. Denn vor seiner ärztlichen Laufbahn absolvierte der gebürtige Ostfriese aus Leer ein Studium der Biologie mit den Schwerpunkten Zoologie und Mikrobiologie. Bis heute ist er von diesem Fachgebiet fasziniert.

Während seines Urlaubs unternimmt der Bremer Arzt Expeditionsreisen auf Kreuzfahrtschiffen vor allem zu den polaren Regionen. „In der Antarktis bin ich schon rund 50 Mal gewesen“, sagt er. Und beantwortet auf Petermann Island geduldig die Fragen der Gäste. Zum Beispiel, ob Robben auch Eier legen. Was sie natürlich nicht tun.

Schon oft hat Rolf Schiel in den vergangenen Jahren Petermann-Island besucht – ein Eiland, das nach dem deutschen Polarforscher und Geografen August Petermann (1822 bis 1878) benannt wurde. „Doch ich stelle mit Sorge fest, wie das Eis auf der Insel in den Sommermonaten weiter zurückgeht.“ In dieser Region, fügt der Mediziner und Biologe hinzu, hätten britische Forscher den höchsten Temperaturanstieg in der Antarktis festgestellt. Die Ursache sei der Klimawandel. „Diese Region ist vom Klimawandel besonders betroffen.“ Die Lufttemperatur sei in den vergangenen 20 bis 30 Jahren um durchschnittlich 2,5 Grad gestiegen. „Das ist eine gigantische Zahl.“

Die Folge: Anders als früher gibt es auf Petermann-Island deutlich mehr Eselpinguine, während sich die Adélie-Pinguine in kältere Regionen zurückziehen müssen.

Nach Angaben des Bundesumweltamtes erwärmt sich die Antarktische Halbinsel derzeit „stärker als der Rest der Welt“. Keine Region der Erde heize sich derzeit schneller auf, heißt es. So dokumentieren die Temperaturdaten des „Oak Ridge National Laboratory“ eine Erhöhung der Jahresmittelwerte von bis zu zwei Grad in den letzten 50 Jahren. Greenpeace warnt vor dem Kollaps des westantarktischen Festlandeises. Würde das gesamte Eis in der Antarktis schmelzen, könnte der globale Meeresspiegel um rund 3,3 Meter ansteigen.

Dass der westliche Teil der Antarktischen Halbinsel stärker von der Erderwärmung als der Osten betroffen ist, führt Rolf Schiel unter anderem auf die erdgeschichtliche Verbindung dieser Region mit dem südamerikanischen Festland zurück.

Wenn er wieder nach Bremen zurückkehrt, wird der Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie auch seinen kleinen Patienten vom Leben der Pinguine erzählen. „Die Kinder bringen gerne ihr Pinguin-Kuscheltier in die Praxis mit. Das nimmt ihnen die Angst vor dem Arztbesuch.“

Nach den vielen Reisen in die bedrohte Antarktis hat Rolf Schiel seinen persönlichen Lebensstil geändert. „Ich spare Energie“, sagt er, „und habe mein Auto längst abgeschafft.“ Statt dessen fährt er Fahrrad. Jeder Antarktis-Reisende, so hofft er, sollte zum Botschafter und Multiplikator dieser Region werden.

Der Autor, Edgar S. Hasse, hat als Kreuzfahrtseelsorger im Auftrag der Nordkirche die Weihnachtsreise der MS Hanseatic 2014 in die Antarktis begleitet.

Baden in der Antarktis: Die heißen Dampfquellen im Vulkankrater von Deception Island

foto: Alexander/Artic Foto
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Edgar S. Hasse
Deception Island, die Insel der Täuschung, verspricht Polarreisenden ein heißes Badevergnügen im ewigen Eis. Wo sich einst in der Walfängerbucht die südlichste Trankocherei der Welt befand, brodelt es unter dem Lavastrand. Denn Deception Island, das hufeisenförmig in der Bransfieldstraße (nördliche Antarktis) liegt, ist eine der interessantesten Kraterinseln der Welt. Der Vulkan ist noch immer aktiv. Die letzten Ausbrüche ereigneten sich zwischen 1967 und 1970.

Auf den ersten Blick gleicht Deception Island im Antarktischen Sommer wie die Kanaren-Insel Lanzarote. Wäre da nicht der auf den Bergen schmelzende Schnee.
„An mehrere Stellen gibt es in Strandnähe heiße Dampfquellen, die Fumarolen“, sagt Heike Fries. Die Geologin aus Aachen ist als Lektorin an Bord des Hamburger Kreuzfahrtschiffes „Hanseatic“ unterwegs. Die Weihnachtsreise des Expeditionsschiffes führte 2014 von Feuerland bis zur antarktischen Halbinsel und wieder zurück. Ich habe diese Reise als Bordgeistlicher und Journalist begleitet.
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Treibstofftanks aus früheren Walfang-Zeiten, Deception Island. Foto: E. Hasse


Wenn Kreuzfahrtschiffe wie die „Hanseatic“ von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Whalers Bay festmachen, lockt der null bis zwei Grad warme Atlantik während des antarktischen Sommers stellenweise tatsächlich zum Bade. Bei Ebbe können die Badegäste im teilweise aufgeheizten Meerwasser plantschen, während vereinzelt Pinguine am Ufer entlang watscheln. „Wo die Fumarolen auftreten, wird es am Ufer gut 23 Grad Celsius warm.

Wenige Zentimeter weiter kann es allerdings wieder ganz kalt sein“, sagt Heike Fries, die an der Universität Köln Geowissenschaften studiert hat und von alten Steinen fasziniert ist. Als Fachreferentin für Geologie und Glaziologie (Gletscherkunde) ist sie regelmäßig in Deutschland, der Schweiz, vor allem aber in der Antarktis, Arktis und auf dem Westpazifik unterwegs.

 

Einige Passagiere und Crewmitglieder wagten kurz vor Silvester einen Sprung ins kühle Nass. Der Shop an Bord des Schiffes hatte passend für diesen Anlass Badehosen und Badeanzüge zum Verkauf angeboten. Bei Lufttemperaturen von fünf Grad Celsius und wenig Wind wurde der Sprung ins Südpolarmeer zu einem einzigartigen Erlebnis. Was die Winterbader auf Sylt und Usedom können und zum Jahreswechsel an Nord- und Ostsee schon zur Tradition geworden ist, das können Kreuzfahrer in der Antarktis auch. Zum Jahreswechsel werden hier auch noch weitere eistaugliche Kreuzfahrtschiffe festmachen und zu Badetouren ihre Reisenden ausbooten.

Deception Island ist aus
geologischer Perspektive relativ jung, erst rund 750.000 Jahre alt. Der Vulkan kollabierte vor rund 10.000 Jahren. Es entstand eine Caldera, in der sich das Meer ausbreiten konnte. Die Magma-Kammer des Vulkans ist rund 1200 Grad heiß. Wenn das Meerwasser der Kammer zu nahe kommt, tritt heißer Dampf auf. Und dieser heizt das Meerwasser an einigen Stellen auf. Wer an Whalers Bay die Hand einige Zentimeter tief im Lavastrand vergräbt, kann sich beinahe die Finger verbrennen. „Ich habe schon Temperaturen von 56 Grad gemessen“, sagt Heike Fries. So heiß kann die Antarktis sein.

Der Vulkan – einer von zwei noch aktiven in der Antarktis – sorgte dafür, dass die 1906 gebaute Walfangstation im Jahr 1927 bei einem Ausbruch zerstört wurde. Noch heute sind unter anderem die alten Treibstofftanks und das Dampfkesselhaus als stumme Zeugen einer industriellen Verwertung der getöteten Wale zu sehen.
Inzwischen kontrollieren Forscher regelmäßig die Aktivitäten des Vulkans von Deception Island. Es gibt drei Stufen der Warnung. Bislang wird noch immer die niedrigste angezeigt. Mal sehen, wie lange noch.

Kreuzfahrt zu einer Pinguin-Kolonie: Mit der L‘ Austral an die Antarktische Halbinsel

FOTOS: Edgar S. Hasse, Januar 2012

 

Mein Beitrag bei WELT-Online, Februar 2012: http://www.welt.de/reise/Fern/article13867855/Antarktis-mit-Killerwalen-und-Mousse-au-Chocolat.html

COOLER POOL: L`Austral, Gerlache-Street, Antarktis.

 

 

Nationalpark Feuerland, Ushuaia, Argentinien, im Sommer (Januar)